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Tanzen in Fesseln

Ein Architekt bewegt sich zwischen den Ansprüchen der Bauherren und gesetzlichen Regelungen und behält doch seine eigene Handschrift. Das ist beim Bau von Gewerbeprojekten schwieriger als bei Einfamilienhäusern, wie Frank Zumkeller, Architekt aus Würzburg, zu berichten weiß.

Herr Zumkeller, als Architekt wollen Sie einem Bauvorhaben Ihren Stempel aufdrücken. Wie gelingt das trotz der vielen Regelungen?

Ein Architekt bewegt sich im Spannungsfeld zwischen zwei Polen, nämlich Dienstleister zu sein oder Künstler. Er soll auf der einen Seite die Vorstellungen seines Bauherren verwirklichen, während Baugesetze, Geld, Brandschutz, Statik, die Himmelsrichtung, die Besonderheiten eines Grundstücks und viele andere Dinge mehr seinem Vorhaben gewisse Grenzen setzen. Auf der anderen Seite soll er seine eigenen Vorstellungen einbringen, wobei er aber nicht zu stark ins Künstlerische gehen darf. Aber wir Architekten haben hier einen breiten Spielraum. Sehen Sie sich einen Wettbewerb zu einem Bauprojekt an, an dem 20 Architekten teilnehmen. Da werden Sie staunen, was für unterschiedliche Vorschläge dabei herauskommen. Schon Walter Gropius nannte das „Tanzen in Fesseln“.

Lassen Gesetze und Auflagen dennoch einen ausreichenden Spielraum?

Ja. Zwar müssen wir, besonders bei Industrie- und Bürobauten, eine Menge an Auflagen erfüllen wie Brandschutz, Arbeitsstätten-Richtlinien, Schallschutz- und Wärmeschutz-Anforderungen. Aber das sind Rahmenvorgaben, die dennoch genügend Individualität zulassen. Zum Beispiel werden heute immer mehr Flurwände aufgelöst und aus Zellenbüros werden Großraumbüros oder Kombibüros für 5 Personen.

Das klingt so als seien Auflagen auch Chancen. Kann man das so sehen?

Durchaus! Deutschland ist das Land der "Abdichter und Dämmer", wie es so schön heißt, aber Sie können als Architekt Büroräume durch Standortwahl oder durch die Ausrichtung von Glasflächen so planen, dass die Menschen beim Arbeiten angenehmes Licht haben und Nebenräume oder sanitäre Einrichtungen auf einer anderen Seite des Gebäudekomplexes liegen.

Sie werden vom Bauherrn bezahlt, müssen aber Auflagen und Gesetze einhalten. Sind da nicht „Diskussionen“ mit Bauherrn über Kosten unumgänglich?

Diskussionen über behördliche Vorgaben sind schnell beendet. Diskussionen über die Kosten gibt es aber recht häufig. Aber solche Diskussionen sind ein wichtiger Prozess in der Beziehung zwischen Bauherrn und dem Architekten. Das ist wie in einer privaten Partnerschaft: Ohne Diskussionen geht es nicht!

Kann man auch bei sachlich-nüchternen Industrie-Bauten kreativ-künstlerisch sein - wie kann das gelingen?

Das geht sehr gut. Solche Bauten sind zwar sachlich-nüchtern, aber der Mensch nutzt den Raum und hier setzt der Architekt an: Jahreszeiten müssen erlebbar sein, man muss Abwechslung hereinbringen, durch Gestaltung kann man sich als Mitarbeiter wertgeschätzter fühlen. Nüchterne, sachliche Architektur ist eine Herausforderung, weil man da den Menschen besser in den Mittelpunkt stellen kann. Hier hat sich im Gegensatz zu früher einiges geändert.

Verändert hat sich aber doch sicher auch die Aufgabe des Architekten. Wie erleben Sie heute Ihren Beruf und seine Herausforderungen? Was ist anders als früher?

Der Architekt von früher war mehr der künstlerische Planer. Der heutige Architekt ist Manager und Moderator. Gerade Unternehmer, die bauen, wollen sich auf ihre eigenen Aufgaben in ihren Betrieben konzentrieren und erwarten bei ihren Bauvorhaben Lösungen aus einer Hand: Es obliegt dem Architekten, das passende Grundstück zu finden, die Finanzierung zu besprechen, Fördermöglichkeiten auszuloten, Bebauungsmöglichkeiten, Befreiungen / Abweichungen von Bebauungsplänen zu erörtern und den Kontakt mit Baubehörden oder mit der Politik zu ermöglichen. Der moderne Architekt wird immer mehr zum Manager von Bauvorhaben, der den Unternehmer von Beginn an an die Hand nimmt und ihm die vielen Steine auf dem Weg zum fertigen Gebäude aus dem Weg räumt. Wir sind heute keine Einzelkämpfer mehr, sondern Moderatoren.

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